Die Suche nach der perfekten Sorte



Was soll eine Rübensorte leisten? Die Antwort auf diese Frage lautet heute anders als noch vor fünf Jahren. „2015 hat man an einem Kongress in Deutschland nur von 20/20 gesprochen, das heisst im Jahr 2020 einen Standardertrag von 20t Zucker/ha“, sagt Hansjörg Weber. Er ist Landwirt und arbeitet zu 75 % auf der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenbau (SFZ) in Aarberg. Dort ist er hauptsächlich für die Sortenversuche zuständig.

„Mit dem extremen Wetter der letzten Jahre sprich heisse, trockene Sommer, andere Verteilung der Niederschläge, keinen Frost im Winter, etc. mussten wir rasch umdenken und jetzt stehen die Resistenzen und Toleranzen im Fokus“, sagt Weber. „Der Wegfall von gewissen Pflanzenschutzmitteln zwingt uns diesen Weg einzuschlagen.“

Die perfekte Rübensorte sollte also tolerant oder resistent gegenüber wichtigen Krankheiten und Schädlingen sein, Trockenheit gut vertragen und trotzdem einen stabilen Ertrag und Zuckergehalt liefern. Das ist leider quasi ein Ding der Unmöglichkeit. „Wir prüfen heute mehr Sorten an mehr Standorten um den Verschiedenen Umwelten gerecht zu werden, in der Hoffnung die beste Sorte für das entsprechende Problem zu finden“, erklärt Hansjörg Weber.

Live dabei bei der Versuchsernte

Ein Besuch der Versuchsernte in Kappelen bei Aarberg Mitte September verdeutlicht den immensen Aufwand, der diese Sortenprüfung mit sich bringt. Auf einer Fläche von 720 m2 werden 24 Sorten unter „normalen“ Anbaubedingungen, das heisst, mit Fungizid und Insektizid behandelt, getestet. Zusätzlich werden auf einer Fläche von 540 m2 weitere 18 Sorten (zum Teil dieselben, zum Teil andere) ohne Fungizideinsatz angebaut um deren Blattgesundheit und den möglichen Ertragsverlust zu ermitteln.

Jede Sorte wird in drei Reihen à 10 Meter Länge ausgesät und dies drei Mal im Versuch. Insgesamt gibt es also in Kappelen 378 separate Rübenproben zu ernten. Dies geschieht mit einer einreihigen Kleine-Rübenernte-Maschine, die die Fachstelle für Ihre Zwecke umgebaut hat. Jede 10-Meter-Reihe im Versuch wird separat in einen Kartoffelsack gegraben und mit der richtigen Etikette versehen.

Zum Video der Versuchsernte.

Hansjörg Weber läuft neben der Erntemaschine und gibt Zeichen, damit der Fahrer, Landwirt Andreas Jenni, rechtzeitig nach jeder Probe anhält. Auf der Maschine hängt Webers Frau Neide die vollen Jutesäcke mit Rüben ab und Fachstellen Mitarbeiter Basile Cornamusaz bindet die Säcke mit den Etiketten zu.

„Wir waren Covid19 bedingt heuer vielfach auf die Mithilfe von familieneigenen Arbeitskräften angewiesen“, erklärt Weber. Aber das habe bisher während des Lockdowns im März und April bei der Saat, wie auch bei der Ernte im Herbst sehr gut geklappt, erzählt der sichtlich zufriedene Versuchsleiter

Das „Versuchs-Jahr“ im Überblick

Und mit der Ernte ist es natürlich nicht getan. Für die Sortenversuche fallen gemäss Hansjörg Weber folgende Arbeiten an: Die Auswahl der Parzellen und das Erstellen des Versuchsplanes zu dieser Parzelle. Für die Saat der Kleinparzellen muss das Saatgut portioniert werden. Nach der Saat geht es weiter mit dem Auszählen vom Feldaufgang und später dem Vereinzeln. Das Jahr über wird wenn nötig Unkraut entfernt und wichtig ist das Bonitieren der Versuche von verschiedenen Merkmalen über die ganze Saison.

„Zu meinen Aufgaben gehört auch das präsentieren der Versuche für die Züchter und die Sortengruppe, in der Regel zweimal im Jahr“, so Weber. Zur Ernte gehört das Entfernen der Randrüben, das Organisieren von Material wie Säcke und Etiketten und der Transport der Erntemaschine zwischen dem Lac Léman und dem Bodensee. Nach der Ernte werden die Probesäcke in die  Zuckerfabrik transportiert, wo die  Verarbeitung der Sonderproben im Labor organisiert werden muss.

„Die schönste Arbeit ist für mich klar die Saat im Frühling. Da bemerkt man den Landwirt in mir. Der Frühling mit den wärmeren Temperaturen ist immer der Start in ein hoffentlich gutes Jahr“, meint der 56-jährige. „Weniger schön ist natürlich das jäten im Sommer bei mehr als 30 Grad, was zum Glück nicht allzu oft nötig ist.“

Neue Krankheiten werden berücksichtigt

Total legt die Fachstelle 5 Sortenversuche verteilt in den Regionen Frauenfeld, Aarberg und Changins an. Von den 24 getesteten Sorten in diesem Jahr sind 6 Standardsorten, die bereits auf der Sortenliste stehen. Mit ihnen werden die neuen Sorten verglichen.

„Welche neuen Sorten wir testen sollen schlägt eine Arbeitsgruppe bestehend aus Landwirten, Vertretern der Zuckerfabrik und Agroscope vor“, erklärt Samuel Jenni, Leiter der Zuckerrübenfachstelle. „Jede Sorte wird drei Jahre getestet.“ In der Regel nehme man zwei bis drei neue Sorten pro Züchter und Jahr in das Versuchsprogramm auf. Die Züchter bezahlen dafür 3000 Franken pro Sorte. Den Rest der anfallenden Versuchskosten bezahlen laut Jenni die Fabrik und die Rübenpflanzer.

Zu den gestiegenen Anforderungen an eine Rübensorte sagt Jenni: „Wir versuchen die neuen Krankheiten im Rübenbau wie die Viröse Vergilbung oder das SBR (Syndrom der tiefen Zuckergehalte) ebenfalls in unseren Sortenversuchen zu bonitieren.“ Aktuell seien bisher zwei SBR-tolerante Sorten im Anbau. 54 weitere stehen in der Prüfung. Die Rübenpflanzer dürfen also hoffen, dass es Lösungen gibt für die aktuellen Krankheitsprobleme.

Die Sortenprüfung gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Schweizerischen Fachstelle für Zuckerrübenbau. Was sie sonst noch leistet, zeigen wir in den nächsten Wochen in einem weiteren Artikel auf.


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