Frauenfeld und Aarberg setzen sich für Schweizer Zucker ein



Die Medienkonferenz fand unter anderem online statt. Links im Bild: Prof. Dr. Mathias Binswanger. Rechts: Anders Stockholm, Stadtpräsident von Frauenfeld

Über der Schweizer Zuckerbranche brauen sich derzeit dunkle Wolken zusammen. Einerseits sind da die bestehenden agronomischen Probleme mit Blattläusen und Krankheiten auf den Feldern, andererseits wird die Politik der nächsten Wochen einen grossen Einfluss auf die Schweizer Zuckerproduktion haben. Ein weiterer Rückgang der Rübenanbaufläche liegt nicht drin. Für die Regionen rund um die beiden Zuckerfabriken haben die zwei Werke eine grosse wirtschaftliche Bedeutung. Dies haben die Gemeinden Aarberg und Frauenfeld an einer Medienkonferenz deutlich gemacht.

Vom 3. bis am 5. Mai diskutieren der National- und der Ständerat in einer Sondersession unter anderem über die Zuckerrüben. Die Wirtschaftskommission des Nationalrates schlägt die Beibehaltung des aktuellen Zolls von 70 Fr./t Zucker vor, will aber gleichzeitig den Einzelkulturbeitrag für ÖLN-Zuckerrüben auf 1500 Fr./ha senken und dafür Prämien für Biorüben (700 Fr./ha) und für IP-Suisse-Rüben (500 Fr./ha) einführen. Am 13. Juni stimmt das Schweizer Stimmvolk über die Pestizid- und die Trinkwasserinitiative ab, die bei einer Annahme und entsprechender Umsetzung einen massiven Einfluss auf die Zuckerrübenproduktion der Schweiz hätten. Nun schalten sich auch die beiden Standortgemeinden der Zuckerfabriken, Aarberg BE und Frauenfeld TG, in den Abstimmungskampf ein. Sie haben eine Studie in Auftrag gegeben, welche die Bedeutung der Zuckerproduktion für die beiden Gemeinden aufzeigen soll. Am 29. April stellten sie die Resultate an einer Medienkonferenz der Öffentlichkeit vor.

Zuckerfabriken bringen Geld in die Region

„Der Rückgang der Schweizer Zuckerrübenfläche von 21‘000 Hektaren auf 16‘000 Hektaren in den letzten Jahren hat uns aufgeschreckt“, sagt Anders Stockholm, Stadtpräsident von Frauenfeld gegenüber den Medien. Immerhin generiert die Zuckerfabrik in der Region Frauenfeld (gemäss Studie 30 bis 35 km um die Stadt herum) jährlich 53,7 Mio. Franken Wertschöpfung. Damit sind unter anderem die Löhne der Mitarbeitenden gemeint, aber auch die Rübengelder und Transportentschädigungen, die an die lokalen Landwirte und Lohnunternehmer ausgerichtet werden. In Aarberg liegt die regionale Wertschöpfung mit 60 Mio. Franken noch höher. Die gesamte, mit der Schweizer Zuckerproduktion verbundene Wertschöpfung liegt gemäss der Studie bei 180,1 Mio. Franken.

„Zuckerstadt“ Aarberg ca. 2010

Der Studienleiter Prof. Dr. Mathias Binswanger zeigte auch auf, dass grosse Investitionsprojekte der Schweizer Zucker AG zusätzliche Gelder in Form von Aufträgen für lokale Handwerksbetriebe in die Region bringen. So wurde 2020 das Holzkraftwerk in Aarberg für 95 Mio. Franken fertiggestellt und in Frauenfeld ist ein Holzkraftwerk für 55 Mio. Franken geplant. Die mit der Zuckerproduktion verbundenen Steuereinnahmen schätzt Binswanger für Aarberg auf 3 Mio. Franken und für Frauenfeld auf 1,5 Mio. Franken.

Schweizer Zucker besser als Import

In Interviews mit ausgewählten Interessensgruppen hat der Ökonom Binswanger weitere Argumente für aber auch solche gegen die Zuckerfabriken erfragt. So werten die Befragten die Rolle der SZU als Lehrbetrieb und als Arbeitgeber für Menschen mit weniger guten Berufsaussichten sehr positiv. Die Zuckerfabriken schaffen zudem eine Identifikation als „Zuckerstadt“, die auch für den lokalen Tourismus wichtig ist. Ausserdem sind die Befragten der Meinung, dass bei einer Zuckerproduktion im Inland mehr Einfluss auf eine nachhaltige Produktionsweise genommen werden kann als wenn der Zucker importiert wird. Die Nebenprodukte der Zuckerrübe führen zu weiteren positiven Faktoren wie Wärmegewinnung, Tierfutter, Gartenartikeln, Melasse und Alkohol.

Kritisch betrachtet werden etwa der Rübentransport auf der Strasse, der Pestizideinsatz im Rübenanbau und der Zuckerkonsum der Bevölkerung. Zudem geht ein Teil der Befragten davon aus, dass die wirtschaftlichen Einbussen bei einer Schliessung der Zuckerfabriken nicht überschätzt werden sollten und dass sich für die grossen Gelände auch eine effizientere Nutzung finden liesse.

Adrian Hügli, Gemeindepräsident von Aarberg, betonte, dass eine marktgerechte Menge Zucker in der Schweiz nur mit zwei Werken wirtschaftlich produziert werden könne. Dies belegt eine 2019 durchgeführte Studie.

Versorgung in Krisenzeiten sicherstellen

Die Produktion von Schweizer Zucker hat nicht nur als sozialer und wirtschaftlicher Faktor eine wichtige Bedeutung, auch die Erfüllung der Swissness-Regeln von Nahrungsmittelproduzenten und die Versorgungssicherheit in Krisenzeiten hängen von ihr ab. „Zudem erfüllen die Schweizer Zuckerwerke bereits heute die drei Kriterien der Nachhaltigkeit (Ökologie, Ökonomie und Soziales) sehr gut“, betonte Stockholm. „Ein Wandel hin zu einem noch ökologischeren Anbau braucht Zeit!“ Er werde sich auch in seiner Rolle als Kantonsrat für den Schweizer Zucker einsetzen.

Ob die Botschaften der Studie und der Gemeinden Aarberg und Frauenfeld in der Politik ankommen, wird sich weisen. Für die Fabriken und die Rübenproduzenten ist es jedoch ein schönes Zeichen, dass sich die Gemeinden öffentlich hinter sie stellen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.