Wenn Hochzeitsplaner und Bademeister Rüben verarbeiten



Am 22. September wurden in der Zuckerfabrik Aarberg die ersten Rüben angeliefert. Während drei Monaten, bis kurz vor Weihnachten, herrscht nun in der Fabrik Hochbetrieb. 100 festangestellte Mitarbeiter plus 50 temporäre Mitarbeiter sorgen dafür, dass während der Kampagne täglich 10 000 Tonnen Rüben zu Zucker, Melasse und Rübenschnitzel verarbeitet werden. Doch was machen diese Leute die restlichen 9 Monate im Jahr, wenn keine Rüben verarbeitet werden? Wir haben bei Steve Howe, Werkleiter in Aarberg, nachgefragt.

„Unsere Mitarbeiter haben alle zwei Jobs. Während der Kampagne steuern sie am Bildschirm einen Teil der Zuckerverarbeitungsanlage, rangieren Züge oder arbeiten im Labor. In der Zwischenkampagne machen sie ganz unterschiedliche Dinge.“, erklärt Steve Howe.

„Unsere 100 ganzjährigen Angestellten sind in dieser Zeit vor allem mit der Revision und Reinigung des Rübenwerks beschäftigt.“ Die Zuckergewinnung ist ein Prozess mit viel Verschleiss. Die Erde an den Rüben sowie saure und basische Verarbeitungsschritte setzen den Anlagen stark zu. Während der Kampagne darf es praktisch keine Pannen geben. Das Ziel seien 98 Prozent Anlagenverfügbarkeit, erklärt Howe.

Bild: Während der Rübenkampagne sitzen die Mitarbeiter viel am Bildschirm und steuern die Rübenverarbeitung digital.

Daneben investiert die Zuckerfabrik Aarberg jährlich rund 3 Millionen Franken in neue Anlagen und verfolgt Projekte wie etwa den Bau eines neuen Zuckersilos, einen neuen Nassablad oder Digitalisierungs- und Automatisierungsprojekte. Ein Teil der Mitarbeiter arbeitet daran mit. „Wir beschäftigen Rohrschlosser, Elektriker, Betriebsmechaniker, Prozessleitspezialisten und viele weitere Berufe, die uns bei diesen Projekten nützlich sind.“, so der Werkleiter.

Bild: Im Sommer, wenn keine Rüben verarbeitet werden und die Fabrik still steht, haben die Mitarbeiter Zeit für die Revision und Reinigung des Werks.

Nach der Sommersaison in die Rübenfabrik

Die 50 zusätzlichen Mitarbeiter, die nur während der Rübenkampagne von Ende September bis Ende Dezember in der Zuckerfabrik arbeiten, haben daneben ebenfalls ganz unterschiedliche Jobs. „Das sind zum Teil typische Sommersaisonjobs etwa in der Eventbranche oder als Hochzeitsmanager und Bademeister“, zählt Howe auf. „Es sind aber auch einige Landwirte während diesen drei Monaten bei uns tätig.“

Die meisten dieser „Temporären“ kämen jedes Jahr wieder. Das ist wichtig, denn: „Wir können kaum Leute mit Erfahrung in der Zuckerindustrie einstellen, da es nur zwei Fabriken in der Schweiz gibt. Darum muss jeder Neuling zuerst gut eingearbeitet werden“, erklärt Howe, der selber 16 Jahre in der englischen Zuckerindustrie tätig war. Auch sei es schwierig gute Fachkräfte als Festangestellte zu rekrutieren.

Bild des Areals der Zuckerfabrik vor der Kampagne: Noch ist alles ruhig.

Die Zuckerfabrik bemühe sich daher ein guter Arbeitgeber zu sein. So könne man etwa den 13. Monatslohn auch in Form von 4 Wochen Ferien beziehen. Und die intensive Kampagnienzeit mit vielen Überstunden und keinen Ferien wird entschädigt mit einer sehr flexiblen Ferienplanung in den übrigen 9 Monaten. „Wir haben zum Glück viele loyale Mitarbeiter“, freut sich Howe.

Heuer gehen gleich drei Männer in Pension, welche je 45 Jahre in der Zuckerfabrik gearbeitet haben. „Zucker klebt. Arbeitet man einmal in dem spannenden Business, will man nicht mehr weg“, lacht Howe, dessen Lieblingsaufgabe es ist seine Mitarbeiter zu motivieren damit sie einen guten Job machen.

Schreckgespenst Corona

Auffällig beim Besuch in der Zuckerfabrik ist derzeit die strenge Maskenpflicht, die überall gilt, wo man mit anderen Menschen in Kontakt kommt. „Wir haben drei Schichtteams, die sich während der Kampagne rund um die Uhr abwechseln.

Jedes Wochenende haben zwei der Teams je einen Tag frei. Ansonsten wird durch gearbeitet. Es darf nicht passieren, dass ein Team ausfällt weil die Leute an Corona erkranken oder in Quarantäne müssen“, äussert sich Howe besorgt. Man habe deshalb schweren Herzens auch das Mitarbeiterfest vor der Kampagne und sämtliche Besucherführungen abgesagt.

Bild: Die strenge Maskenpflicht aufgrund der Corona-Pandemie in der Zuckerfabrik gilt auch für Steve Howe. Grössere personelle Ausfälle während der Kampagne wären fatal.

Effizienzsteigerung ist Hauptaufgabe

Zu den Aufgaben von Steve Howe als Werkleiter gehören nebst der Mitarbeiterführung, auch die Bereiche Produktion, Technik und Unterhalt, das Labor, Projekte in der Zwischenkampagne und ergänzende Geschäftsfelder wie etwa die Schnittstellen zum Holzkraftwerk in Aarberg oder die Pektinanlage in Frauenfeld. Die all dem übergeordnete Hauptaufgabe jedoch ist, die Effizienz der Zuckerfabrik zu steigern.

„Auf der einen Seite müssen wir die Kostenfaktoren wie Arbeit, Maschinen, Strom, Gas und Hilfsstoffe wie zum Beispiel Chemikalien minimieren. Auf der anderen Seite gilt es die Zuckerausbeute aus den Rüben zu maximieren“, erklärt der studierte Elektrotechniker.

„Wir verlangen von den Behörden Unterstützung mit Grenzschutz oder Flächenbeiträgen, da müssen wir zeigen, dass auch wir unseren Teil zum Erhalt der Zuckerbranche in der Schweiz beitragen.“ Zentral dabei sei die Rübenmenge, respektive die Anbaubereitschaft der Rübenpflanzer. Denn: Viele Fixkosten bleiben gleich für eine grosse oder kleine Ernte.

Zur Person:

Steve Howe (Jahrgang 1967) ist Engländer. Nach seinem Studium als Elektrotechniker hat er 16 Jahre in der englischen Zuckerindustrie gearbeitet und danach in anderen Branchen.

Vor 6 Jahren erhielt seine deutsche Frau, mit der er 25 Jahre in England gelebt und Kinder gross gezogen hat, eine Anstellung bei einer Firma in Schafhausen. Howe fand daraufhin eine Stelle als Leiter Technik und Unterhalt in der Zuckerfabrik Frauenfeld. Seit zwei Jahren arbeitet er nun zwei Tage pro Woche in Frauenfeld und drei Tage pro Woche in Aarberg als Werkleiter.


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