Werden die Zuckerrüben der Trinkwasserpolitik geopfert?



Man kann es überall lesen. Die Zuckerrüben leiden unter dem Vergilbungsvirus, das von Blattläusen übertragen wird. Der Schutz vor Blattläusen durch eine Saatgutbeizung mit Gaucho ist dem Neonikotinoidverbot zum Opfer gefallen. Diese Beizung würde die kleinstmögliche Exposition für Schadinsekten darstellen. Stattdessen versuchen die Landwirte die Blattläuse und damit die Ausbreitung des Virus wieder mit Flächenbehandlungen zu kontrollieren. Leider ohne Erfolg.

Um was geht es?

Offensichtlich wirkt das Neonikotinoid-Verbot, welches durch das BLW im Nachvollzug von EU-Recht verhängt wurde, für die (nichtblühende) Kultur der Zuckerrüben kontraproduktiv. Es hat zu höheren Ausbringmengen anderer Insektizide geführt und das mit einer schlechteren Wirkung.

Ohne Schutz stehen die Zuckerrüben in weiten Teilen der Westschweiz vor dem Aus[1]. Dort wurden die Rübenerträge wiederholt durch SBR (eine Bakteriose, welche durch Schilfglasflügelzykaden übertragen wird) bedroht, so dass die Landwirten in zwei von drei Jahren Geld verloren haben[2].

Ebenso klar ist, dass die Umweltziele Landwirtschaft aus dem Jahr 2008 laut Analyse 2016 mehrheitlich nicht erreicht werden. Die eingeschlagene Richtung stimmt zwar, aber noch ist es ist zu wenig, um unseren Kindern und Enkelkindern eine intakte Umwelt zu hinterlassen.

Das Problem ist erkannt, aber sind die anstehenden Trinkwasser- und Pestizidinitiativen die richtigen Mittel?

Vergessen wir nicht, dass die Landwirtschaft Laut Art 104 der Bundesverfassung schon immer die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen soll. Dies soll nachhaltig und auf den Markt ausgerichtet[3] geschehen, also ökonomisch, ökologisch und sozial verträglich.

Was bisher geschah

Teile des Grundwassers sind durch Grenzwertüberschreitungen von Pflanzenschutzmittel und Bioziden belastet. Gefunden werden fast immer die vier Wirkstoffe oder Metaboliten von Bentazon, Chloridazon, Fluopicolid und S-Metolachlor. Dies sollen laut einem Bericht auf der Webseite des Schweizer Bauernverband vom 19.04.2019 auch gar nicht mehr eingesetzt werden. Dank einer neuen Methode ist auch Chlorothalonill dazugekommen. Diese wurde inzwischen bekanntlich verboten.

Auf die Frage, ob das Trinkwasser bedroht sei, sagt Dr. Juliane Hollender von EAWAG: Ja das ist es, aber es von der Qualität am Ursprung gehört es auch zu den besten Europas[4]. Und das soll so bleiben.

Die Schweizer Bauern bemühen sich seit 30 Jahren um mehr Ökologie. Sie tun das im Rahmen der integrierten Produktion, des ökologischen Leistungsausgleichs gemäss DZV und mit Ressourceneffizienzprogrammen.

Diese Rechtsinstrumente entspringen einer politischen Auseinandersetzung und einer demokratischen Entscheidung. Die heutige landwirtschaftlich Praxis, inklusive die Zulassungsverfahren von Pflanzenschutzmitteln, wird auf eine gewisse Weise von uns mitverantwortet. Nämlich durch unser Wahl- und Stimmverhalten.

Mit dem Finger auf die Bauern zeigen ist also nur bedingt konsequent. Erst recht nicht, solange wir in vielen anderen Bereichen, die unser Konsumverhalten betreffen, kaum auf etwas zu verzichten bereit sind.

Was wir jetzt brauchen sind gemeinsame Lösungen und keine Schnellschüsse.

Wenn jetzt über die Zukunft des Zuckerrübenanbaus entschieden wird[5], dann lieber in einem gemeinschaftlichen, zielführenden Prozess und nicht nach System «Umweltlobby gegen Agrarlobby» und umgekehrt!

Denn es geht um mehr. Zum Beispiel um den Erhalt eines zukunftsfähigen Ackerbaus. Es wäre verwerflich, erstmals die Zuckerrüben zu opfern, bevor man eine klare Vision gefasst hat. Dazu braucht es Dialog. Oder wie es Julia Klöckner für die Zukunftskommission Landwirtschaft[6] in Deutschland fordert:  «Es gehe darum, Biodiversität zu sichern, den Insektenschutz zu intensivieren und die Qualität des Trinkwassers zu verbessern. Die Gesellschaft müsse die Leistungen der Landwirtinnen und Landwirte aber auch besser honorieren. Dies alles könne nur im Dialog gelingen.»


Fragen

  • Wie können die Umweltziele mit dem verfassungsmässigen Auftrag der Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung in Einklang gebracht werden?
  • Wie steht es um die ökonomische Seite der Betriebe, um das Recht der Bauern auf einen angemessenen Preis für Ihre Produkte?
  • Mit welchen Massnahmen werden die strategischen Wege zur Risikominderung beim Einsatz von PSM resp. der Absenkpfad durch alternative Anbaumethoden aufgefangen, so dass der LW ein Auskommen hat und die Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgt werden kann?

Was es braucht sind Überganglösungen die den Landwirten eine faire Chance bieten, bis neue tragfähige Systeme zur Verfügung stehen.

Die von der Wirtschaftskommission des Ständerates eingebrachte Inititaive «Risiko beim Einsatz von Pestiziden reduzieren», welche eine Reduktion der Grundwasserbelastung bis 2027 um 50% gegenüber dem Durchschnitt von 2012-2015 umfasst[7]. Ist ein guter Weg. Gleichzeitig soll die Forschung in neue Anbausysteme massiv erhöht werden, die  Sortenzüchtung vorangetrieben und digitale Landwirtschaft ausgebaut werden.

Den chemischen Pflanzenschutz von heute auf morgen abzustellen ist definitive keine nachhaltige Lösung. Weder für die ausreichende Versorgung mit gesunden Nahrungsmitteln noch für die Bauernfamilien. Ökologie ohne Ökonomie geht nicht – umgekehrt auch nicht.


[1] diverse Bericht in der LW Presse sowie interne Meldung des SVZ vom 14.8.2020 in der BetaSwiss App

[2] https://agrobeta.ch/wir-muessen-reden/, Abschnitt «Wie sieht die Rechnung aus?»

[3] https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19995395/index.html#a104

[4] In Die Zeit, vom 10.09.2020

[5] Vorstösse im Parlament https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20203944; / Eingabe einer Ausnahmezulassung von Gaucho oder Importstopp für so behandelten Zucker durch den SVZ ans BLW, s. Pressekonferenz vom 17.9.2020

[6] https://www.bmel.de/DE/themen/landwirtschaft/zukunftskommission-landwirtschaft.html

[7] https://www.parlament.ch/centers/documents/de/erlassentwurf-wak-s-februar-2020-19-475-d.pdf


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