Wir müssen reden.



Auf unserem Blog möchten wir die ackerbaulichen und ökonomischen Anreize der Zuckerrübenanbaus hervorheben. Positiv und offen.

Nun gibt es etwas, was nicht so erfreulich ist, über das wir auch sprechen müssen: In weiten Teilen der westlichen Schweiz hat der Zuckerrübenanbau mit neuen Schädlingen zu kämpfen. Ein Hauptgrund ist das „voreilige“ Verbot der Saatgutbeizung mit Neonikotinoiden bei nichtblühenden Zuckerrüben durch das BLW.

Ein Gang durch die Rübenfelder bestätigt es. Sehr schöne Bestände gibt es in der Ostschweiz und in abgeschirmten Geländekammern des zentralen Mittellands. In der Westschweiz dagegen sowie in den Kantonen BE, AG und SO findet man das Vergilbungsvirus in verschiedener Ausbreitung. Auch das im August wiederaufkommende SBR (Syndrom de basse richesse) wird überall entlang von Gewässern des Genfersees bis hinauf in den Aargau langsam wieder sichtbar.

Die Bilder, die ich auf meine Touren zwischen dem 30. Juli und dem 6. August 2020 aufgenommen haben, zeigen die Vergilbung im Westen der Schweiz. In den östlichen Regionen findet man bisher kaum Vergilbungsviren und auch kein SBR. Die eindeutige Unterscheidung im Feld ist zum jetzigen Zeitpunkt ohne Laboranalyse sehr schwierig.

Um was geht es?

Blattläuse übertragen das längst vergessene Vergilbungsvirus in Zuckerrüben. Seit der Zulassung von Gaucho (Imidacloprid) im Jahre 1991, war das Vergilbungsvirus vollständig aus dem Rübenanbau verschwunden. Bekanntlich sind die Neonikotine (Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam) am 28. April 2018 verboten worden. Der Schutz vor virustragenden Blattläusen ist somit weggefallen, schneller als man gemeint hat.

In der Folge müssen Landwirte stattdessen die Zuckerrüben mit mehrfacher insektizider Flächenbehandlung gegen Schädlingen wie Blattläusen (je nachdem auch gegen Erdflöhe) schützen. Aber ohne Monitoring ist die Blattlauskontrolle kaum wirksam zu bewerkstelligen. Das ist schlimm, weil für den Landwirt durch das Virus ein von Mindertrag von bis zu 30% resultieren kann .

Wie weit die insektizide Flächenbehandlung ökologisch sinnvoller ist als eine gezielte Saatgutbeizung sei dahingestellt. Zumal die Kultur gar nicht zum Blühen kommt und für die Bienen kaum eine Gefahr darstellt.

Die Zuckerrübenpflanzer verfolgen das Ziel, Rüben an die Zuckerfabrik zu liefern und so ihr Auskommen zu sichern. Dabei orientieren sie sich am ökologischen Leistungsnachweises ÖLN.

Ausserdem sind die meisten Landwirte bereit und interessiert die landwirtschaftliche Praxis noch umweltverträglicher zu gestalten. Dabei wäre eine sachliche Diskussion hilfreich, wo wirtschaftliche, gesellschaftliche und umweltrelevante Aspekte klar benannt werden.

Wie sieht die Rechnung aus?

Die Bemühung um mehr Ökologisierung ist notwendig und muss weiterverfolgt werden. Aber was nicht vergessen gehen darf: Mehr Ökologie bedeutet heute für den Landwirt eine höheres Ertragsausfallrisiko bei tieferer Rentabilität im Anbau. Diesem Umstand wird noch nicht genügend Rechnung getragen.

Ein Beispiel. Eine mir bekannt Gruppe von Landwirten aus der Orbe-Ebene zeigen Ihre Durchschnittszahlen:


Erlöse von Zuckerrüben in der Pleine d’Orbe
Jahr2017 2018 2019
Erlös in Fr. 155’600 80’500119’160
Fläche in ha          32        31         33
Erlös/ha    4’862   2’579    3’624
2019: ohne neonikotinoide Beizung, dafür Anhebung des Bonus/Malussystems
2018: starker Befall SBR und Cercospora, Trockenheit

Der Erlös ist gegenüber 2017 im Schnitt um 30% zurückgegangen. Wir zeigen hier aus Rücksicht auf die Branchenverhandlungen bewusst nur den Produkterlös ohne den Kulturbeitrag und ohne Vollkostenrechnung. Klar ist: 2018 haben diese Landwirte Verlust gemacht.

Kommt Gaucho zurück?

Es braucht rasche Lösungen für die Einkommenmsverluste. Benötigt wird vorübergehend eine Beizung gegen die Blattläuse.

Bis jetzt wurde das vom Bundesamt für Landwirtschaft mit dem Verweis auf die grossen Produktionsländer Frankreich und Deutschland abgelehnt (mündliche Mitteilung S. Jenni, SFZ).

Doch gerade dieser Tage wurde bekannt, dass Frankreichs Agrarministerium ab 2021 eine Notfallgenehmigung für die Beizung mit Neonicotinoiden plant. Hier muss die Schweiz unbedingt nachziehen.

Wann ist mit toleranten Sorten zu rechnen?

Von züchterischer Seite her stehen tolerante Sorten gegen die Virusvergilbung im Vordergrund. Wie schnell wir wirkungsvolle, tolerante Sorten haben werden, können die Züchter noch nicht sagen. Die Grundlagen dazu sollten jedoch vorhanden sein, wie u.a. diese Studie des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums USDA zeigt.

Gegen die bakterielle SBR sind die züchterischen Methoden weniger klar. Es fehlt an einer spezifischen, quantitativen Beschreibung des Befalls, um ein gezieltes Zuchtprogramm aufzustellen. Ein Saatgutzüchter soll angeblich über eine Methode verfügen. Nach meinen Informationen ist diese aber noch nirgendwo überprüft worden.

Mit weniger PSM sind neue Lösungen gefragt.

Die Kontrolle der virösen Vergilbung sowie des SBR ist die vorrangige Herausforderung, die es zu jetzt zu meistern gilt. Vorausgesetzt, dass wir unseren Zucker in dem Glacé, der Schokolade und dem Süssgetränk weiterhin aus umweltverträglichem Schweizer Zucker geniessen möchten.

Soll sich die seit ewigen Zeiten staatsgetragene landwirtschaftliche Praxis verändern, muss das Geschäftsmodell «Bauernhof» entsprechende Instrumente entwickeln können.

Darum braucht es nebst der Resistenzzüchtung eine Aufstockung der öffentlichen Forschungsgelder für die Entwicklung umweltverträglicher Pflanzenschutzmethoden. Auf neue, umweltverträgliche Massnahmen im Pflanzenbau ist die Praxis angewiesen. Nur so haben unsere Landwirtschaftsbetriebe die Chance auf ein Auskommen unter wachsenden ökologischen Anforderungen.

Zurück zu den Zuckerrüben. Es gibt die prächtig gedeihenden Felder und es gibt die Herausforderungen, die angepackt werden müssen. Darüber müssen wir reden. Sachlich, freundlich und lösungsorientiert. Dann wird uns der Zuckerrübenanbau auch in der Schweiz noch lange erfreuen.


2 Kommentare “Wir müssen reden.

  1. Ja man muss etwas tun gegen diese neuen Viren Vergil-
    bung und Zunahme der Blattläuse wirksame Chemie
    braucht es ohne Zweifel Ertragseinbussen bis 30% darf es nicht geben so
    will niemand mehr Rüben pflanzen.Gezielte wirksame Chemi muss wieder
    zugelassen werden und das auch bei anderen zu produzierenden Lebensmittel gesunde Lebensmittel wollen wir aber produzieren könnenwir
    sie nicht wie vor 100Jahren

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